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Wann braucht ein Pferd eine Decke?
Neues Forschungsprojekt an der FH Südwestfalen zum Eindeckmanagement Wohlfühltemperatur, Tiergesundheit, Klima und Deckenarten im Fokus
Soest. Zu jeder Jahreszeit stellen sich viele Pferdehalterinnen und -halter im Rahmen ihrer täglichen Stallroutine die Frage, decke ich mein Pferd ein oder nicht? Was aus menschlicher Wärmeempfindung zunächst abwegig klingt, kann für die Tiere unter bestimmten Bedingungen durchaus vernünftig sein. In den Sommermonaten können so genannte Fliegendecken sinnvoll sein, diese sollten bei hohen Außentemperaturen aber im besten Fall nicht zusätzlich wärmen. Auch im Winter stellt sich die Frage, welche Decke zu den individuellen Bedürfnissen der Pferde passt. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema sind bislang rar. Genau hier setzt ein neues Forschungsprojekt am Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen an. Unter der Leitung von Prof. Dr. Marc Boelhauve untersucht das Forschungsteam, welche Parameter zur Entscheidungsfindung für ein tiergerechtes und individuelles Deckenmanagement bei Pferden notwendig sind. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Wissenschaftler*innen der Frage, welche Signale senden die Tiere und wie werden diese von den Halterinnen und Haltern wahrgenommen?
Pferde verfügen über verschiedene Thermoregulationsmechanismen, indem sie beispielsweise das Fell aufstellen, um sich zu wärmen oder schwitzen, um sich zu kühlen. „Pferde wurden über Jahrhunderte domestiziert und für verschiedene Disziplinen gezüchtet. Dadurch sind sie mit den ursprünglichen Steppentieren nicht mehr ohne Weiteres vergleichbar“, erklärt Merle Ochsenfarth, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. Viele Sportpferde werden geschoren, um ihnen während des Trainings das Schwitzen mit einem dicken Winterfell zu ersparen und damit vor einer Erkältung zu schützen. Doch ein geschorenes, verschwitztes Pferd benötigt anschließend eine Decke, um nicht zu frieren. Stoffwechselerkrankungen wie MIM (Muskel-Integritäts-Myopathie) oder Arthrose haben direkten Einfluss auf das notwendige Deckenmanagement. Weitere individuelle Bedürfnisse machen das Thema zusätzlich komplex. Je nach Rasse und Herkunft gibt es Unterschiede hinsichtlich der Temperatursensitivität. Entscheidend ist auch die Haltungsform, steht das Tier in der Box, im Offenstall oder bei Wind und Wetter auf einer Weide mit Unterstand.
Auch im Sommer ist Deckenmanagement relevant: Bei extremer Hitze und starkem Fliegenaufkommen schützen sogenannte Fliegendecken vor Insektenstichen und dem damit verbundenen Stress. Allerdings können auch diese Decken bei hohen Temperaturen zu einer Wärmebelastung werden – ein Zielkonflikt, dem das Forschungsteam ebenso nachgehen möchte, wie mit Herausforderungen bedingt durch Temperaturschwankungen und ungewöhnlichen Wetterperioden. Ein zentrales Problem in der Praxis ist laut Ochsenfarth, dass viele Pferdehalterinnen und Pferdehalter ihr eigenes Temperaturempfinden auf die Tiere übertragen. „Uns Menschen ist es bei 20 Grad angenehm. Die Wohlfühltemperatur der Pferde liegt zwischen 5 und 15 Grad Celsius.“
Das Angebot an Pferdedecken ist unüberschaubar. Verschiedene Füllungsstärken, Materialien und Konstruktionen wirken sich erheblich auf den Wirkungsgrad einer Decke aus. Allen Marketingversprechen zum Trotz gibt es nicht die optimale Lösung, betont Merle Ochsenfarth: „Die Pferde haben ganz individuelle Bedürfnisse. Das macht das Forschungsprojekt so interessant und gleichzeitig so komplex. Wir möchten Parameter entwickeln, von denen das individuelle Deckenmanagement abhängig ist und daraus einen Leitfaden ableiten.“ In einem ersten Schritt hat das Team bereits die Erhebungsinstrumente entwickelt und getestet. Dabei werden Pferdehalterinnen und -halter zum Deckenmanagement befragt sowie zu demografischen Daten und zur Wahrnehmung des eigenen Pferdes. Parallel dazu erfolgt eine aufwändige Statuserhebung direkt am Tier: Das Team misst Körpertemperatur und Atemfrequenz, bewertet den Zustand von Fell und Schleimhäuten und dokumentiert, ob das Pferd schwitzt. Mit einer Wärmebildkamera wird zudem untersucht, wie gut die verschiedenen Decken tatsächlich isolieren. Die fortlaufende Erhebung von Daten wie Lufttemperatur und -feuchtigkeit im Stall bilden den meteorologischen Kontext.
Erste Messungen im Winterhalbjahr haben gezeigt, dass der gewählte Ansatz funktioniert. Prof. Dr. Boelhauve skizziert den weiteren Verlauf des Projekts: „Nun sollen die Erhebungen auf weitere Jahreszeiten ausgeweitet werden, um auch Temperaturübergänge und die Sommersituation abbilden zu können. Die Ergebnisse sollen nicht nur Pferdehalterinnen und Pferdehaltern zugutekommen, sondern auch für die Veterinärmedizin sowie für Hersteller von Decken von Interesse sein.“