Pressemitteilung-Detail

Durchhalten – bis ein wirksamer Impfstoff da ist
Blickpunkt Corona: Fragen an den Tierhygieniker und Agrarbiotechnologen Prof. Dr. Marc Boelhauve
Soest. Seit dem 29. April herrscht Maskenpflicht in allen Bundesländern (im ÖPNV und beim Einkaufen). Unumstritten ist, dass Träger selbstgefertigter Masken ihr Umfeld von Tröpfchenflug aus der Ausatemluft schützen. Wie lange werden wir noch mit dem „zweiten Gesicht“ auf Tuchfühlung gehen müssen? Eine Einschätzung von Prof. Dr. Marc Boelhauve, im Fachbereich Agrarwirtschaft für das Fachgebiet Agrarbiotechnologie und Tierhygiene verantwortlich:
Frage: Einmal getragene Masken verlieren ihre Wirksamkeit, was schafft Abhilfe?
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Aus Stoff bestehende Masken können recht einfach gereinigt werden. Ich empfehle für die Dekontamination im Backofen mindestens 30 Minuten bei 80 Grad. Frühere, nicht mehr gültige Empfehlungen hielten 60 oder 70°C trockene Hitze für ausreichend. In der Mikrowelle am besten den Mund-Nasen-Schutz mit der Außenseite nach unten auf zwei Tassen mit ca. 50 ml Wasser legen, 2 Minuten bei mindestens 750 Watt. Bitte keine Masken mit Metalldraht in der Mikrowelle reinigen, die können in Brand geraten. Alternativ ist auch ein zweiminütiges Bad in kochend heißem Wasser mit Spülmittel oder Flüssigseife wirksam, danach trocknen und bügeln. Waschmaschine geht auch, aber nur bei 60 Grad. Kein Sparprogramm verwenden, da hier nur maximal 50 Grad erreicht werden. Diese Empfehlungen gelten nur für die selbstgenähten Masken. Industrielle gefertigte Schutzmasken sind Einmalprodukte und müssen nach Benutzung entsorgt werden. Den gebotenen Sicherheitsabstand ersetzt die Maske aber natürlich nicht!
Frage: Schutzmaßnahmen sind beispielsweise bei Kindern im Grundschulalter nur bedingt umsetzbar. Außerdem verstärken täglich neue, sich zum Teil widerlegende Meldungen über das Virus die allgemeine Unsicherheit. Was bedeutet das für die geplanten Lockerungen im Alltag?
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Wir befinden uns immer noch in einer Phase, in der wir keine absolute wissenschaftliche Klarheit über diesen Erreger und die gesundheitlichen Auswirkungen haben. Das erschwert verlässliche Aussagen und Handlungsempfehlungen massiv. So gingen Wissenschaftler beispielsweise bis zuletzt davon aus, dass bei Kleinkindern das entsprechende Oberflächenprotein in den Atemwegen fehlt bzw. deutlich geringer vorhanden ist als bei Jugendlichen oder älteren Personen. Das erklärte bisher den meist symptomlosen Verlauf, eine Übertragung konnte aber möglich sein. Aus der am 30. April 2020 veröffentlichten Studie der Charité (AG Drosten) geht allerdings hervor, dass Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 15 Jahren bei Infektion kaum Symptome wie Husten oder Fieber zeigen, aber die gleiche Viruslast (=Anzahl an Viren, die ausgestoßen werden können) haben!
Ich bin aus persönlicher und eben auch aus wissenschaftlicher Sicht dafür, dass wir erst diese Analysen benötigen, bevor wir ein zu großes Risiko eingehen.
Frage: Das Thema Corona wird uns noch einige Zeit beschäftigen. Oberstes Ziel ist es, das Gesundheitssystem nicht auf den drohenden Kollaps zusteuern zu lassen. Angesichts relativ geringer Zahl an Neuinfektionen, sind die teils immer noch strengen Maßnahmen gerechtfertigt?
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Bei der Betrachtung der Situation in Deutschland kann schon der Eindruck entstehen, dass die Maßnahmen übertrieben sind. Leider ist das Ausbleiben massiver Infektionszunahmen und Todesfälle als „Erfolg der guten Tat“ zu beschreiben: Bei uns lief die bisherige SARS-CoV-2-Infektionswelle äußerst glimpflich ab, obwohl wir auf z.B. Basis des Altersdurchschnittes, der zentralen Lage in Europa, der hohen Reisetätigkeit, ideale Voraussetzungen für eine massive Erkrankungswelle gehabt hätten. Daher ist das Ergebnis eines direkten Vergleichs mit Ländern, die später bzw. halbherziger als wir reagiert haben, als dramatisch zu bezeichnen. Die Bilder der Militärkonvois, die in Italien die Toten eines Tages abtransportierten, weil die örtlichen Krematorien überlastet waren oder die Massengräber auf Hart Island bei New York für die sozial Schwächeren zeigten das ziemlich deutlich.
Ich hoffe nicht, dass das jetzige Gefühl im Sinne von „war doch nicht so schlimm“ oder „jetzt ist das Schlimmste überstanden“ sich als Bumerang erweist und wir in die gefürchtete zweite Infektionswelle kommen werden. Die Situation in den anderen Ländern (Spanien, Frankreich, Italien, England, USA) ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorbei – diese befinden sich seit mehreren Wochen in der ersten Welle, die noch nicht abgeschlossen ist.
Ich denke, dass wir die einfach umzusetzenden Hygienemaßnahmen weiter beibehalten sollten, bis ein wirksamer Impfstoff vorhanden ist – wir wissen immer noch zu wenig zu den langfristigen (Organ)Schäden, die durch die Covid-19-Erkrankung verursacht werden. Selbst ein Medikament, das den Krankheitsverlauf verkürzen bzw. die Heftigkeit der Erkrankung reduzieren könnte, ist nicht geeignet, die Hygienemaßnahmen aufheben zu können. Es würden trotz Medikament unverändert immer noch Menschen infiziert, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation behandelt und ggf. beatmet werden müssten. Das Grundproblem würde bleiben – auch wenn die Intensivbetten nicht so lange wie momentan ohne wirksames Medikament belegt sein würden.
Aus persönlicher Sicht denke ich an die Vermeidung des Kollapses im Gesundheitssystem auch erst in zweiter Folge – wichtiger ist mir der Schutz meiner Familie und auch mir selber. Wenn dies (fast) alle so sehen und entsprechend handeln, ist die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses des Gesundheitssystems auch eher gering.
Am kommenden Freitag, 8. Mai, 18.30 Uhr hält Prof. Dr. Marc Boelhauve im Rahmen der öffentlichen Wohnzimmer-Uni einen Vortrag zum Thema „SARS-CoV-2, Covid-19 – wissenschaftliche Grundlagen und Bewertung von Untersuchung und Maßnahmen“. Die Teilnahme an dem ca. 20-minütigen Livestream mit anschließender Diskussion ist kostenlos. Das vollständige Programm und den Link zu den Beiträgen gibt es unter http://wohnzimmer.fh-swf.de
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Aus Stoff bestehende Masken können recht einfach gereinigt werden. Ich empfehle für die Dekontamination im Backofen mindestens 30 Minuten bei 80 Grad. Frühere, nicht mehr gültige Empfehlungen hielten 60 oder 70°C trockene Hitze für ausreichend. In der Mikrowelle am besten den Mund-Nasen-Schutz mit der Außenseite nach unten auf zwei Tassen mit ca. 50 ml Wasser legen, 2 Minuten bei mindestens 750 Watt. Bitte keine Masken mit Metalldraht in der Mikrowelle reinigen, die können in Brand geraten. Alternativ ist auch ein zweiminütiges Bad in kochend heißem Wasser mit Spülmittel oder Flüssigseife wirksam, danach trocknen und bügeln. Waschmaschine geht auch, aber nur bei 60 Grad. Kein Sparprogramm verwenden, da hier nur maximal 50 Grad erreicht werden. Diese Empfehlungen gelten nur für die selbstgenähten Masken. Industrielle gefertigte Schutzmasken sind Einmalprodukte und müssen nach Benutzung entsorgt werden. Den gebotenen Sicherheitsabstand ersetzt die Maske aber natürlich nicht!
Frage: Schutzmaßnahmen sind beispielsweise bei Kindern im Grundschulalter nur bedingt umsetzbar. Außerdem verstärken täglich neue, sich zum Teil widerlegende Meldungen über das Virus die allgemeine Unsicherheit. Was bedeutet das für die geplanten Lockerungen im Alltag?
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Wir befinden uns immer noch in einer Phase, in der wir keine absolute wissenschaftliche Klarheit über diesen Erreger und die gesundheitlichen Auswirkungen haben. Das erschwert verlässliche Aussagen und Handlungsempfehlungen massiv. So gingen Wissenschaftler beispielsweise bis zuletzt davon aus, dass bei Kleinkindern das entsprechende Oberflächenprotein in den Atemwegen fehlt bzw. deutlich geringer vorhanden ist als bei Jugendlichen oder älteren Personen. Das erklärte bisher den meist symptomlosen Verlauf, eine Übertragung konnte aber möglich sein. Aus der am 30. April 2020 veröffentlichten Studie der Charité (AG Drosten) geht allerdings hervor, dass Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 15 Jahren bei Infektion kaum Symptome wie Husten oder Fieber zeigen, aber die gleiche Viruslast (=Anzahl an Viren, die ausgestoßen werden können) haben!
Ich bin aus persönlicher und eben auch aus wissenschaftlicher Sicht dafür, dass wir erst diese Analysen benötigen, bevor wir ein zu großes Risiko eingehen.
Frage: Das Thema Corona wird uns noch einige Zeit beschäftigen. Oberstes Ziel ist es, das Gesundheitssystem nicht auf den drohenden Kollaps zusteuern zu lassen. Angesichts relativ geringer Zahl an Neuinfektionen, sind die teils immer noch strengen Maßnahmen gerechtfertigt?
Prof. Dr. Marc Boelhauve:
Bei der Betrachtung der Situation in Deutschland kann schon der Eindruck entstehen, dass die Maßnahmen übertrieben sind. Leider ist das Ausbleiben massiver Infektionszunahmen und Todesfälle als „Erfolg der guten Tat“ zu beschreiben: Bei uns lief die bisherige SARS-CoV-2-Infektionswelle äußerst glimpflich ab, obwohl wir auf z.B. Basis des Altersdurchschnittes, der zentralen Lage in Europa, der hohen Reisetätigkeit, ideale Voraussetzungen für eine massive Erkrankungswelle gehabt hätten. Daher ist das Ergebnis eines direkten Vergleichs mit Ländern, die später bzw. halbherziger als wir reagiert haben, als dramatisch zu bezeichnen. Die Bilder der Militärkonvois, die in Italien die Toten eines Tages abtransportierten, weil die örtlichen Krematorien überlastet waren oder die Massengräber auf Hart Island bei New York für die sozial Schwächeren zeigten das ziemlich deutlich.
Ich hoffe nicht, dass das jetzige Gefühl im Sinne von „war doch nicht so schlimm“ oder „jetzt ist das Schlimmste überstanden“ sich als Bumerang erweist und wir in die gefürchtete zweite Infektionswelle kommen werden. Die Situation in den anderen Ländern (Spanien, Frankreich, Italien, England, USA) ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorbei – diese befinden sich seit mehreren Wochen in der ersten Welle, die noch nicht abgeschlossen ist.
Ich denke, dass wir die einfach umzusetzenden Hygienemaßnahmen weiter beibehalten sollten, bis ein wirksamer Impfstoff vorhanden ist – wir wissen immer noch zu wenig zu den langfristigen (Organ)Schäden, die durch die Covid-19-Erkrankung verursacht werden. Selbst ein Medikament, das den Krankheitsverlauf verkürzen bzw. die Heftigkeit der Erkrankung reduzieren könnte, ist nicht geeignet, die Hygienemaßnahmen aufheben zu können. Es würden trotz Medikament unverändert immer noch Menschen infiziert, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation behandelt und ggf. beatmet werden müssten. Das Grundproblem würde bleiben – auch wenn die Intensivbetten nicht so lange wie momentan ohne wirksames Medikament belegt sein würden.
Aus persönlicher Sicht denke ich an die Vermeidung des Kollapses im Gesundheitssystem auch erst in zweiter Folge – wichtiger ist mir der Schutz meiner Familie und auch mir selber. Wenn dies (fast) alle so sehen und entsprechend handeln, ist die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses des Gesundheitssystems auch eher gering.
Am kommenden Freitag, 8. Mai, 18.30 Uhr hält Prof. Dr. Marc Boelhauve im Rahmen der öffentlichen Wohnzimmer-Uni einen Vortrag zum Thema „SARS-CoV-2, Covid-19 – wissenschaftliche Grundlagen und Bewertung von Untersuchung und Maßnahmen“. Die Teilnahme an dem ca. 20-minütigen Livestream mit anschließender Diskussion ist kostenlos. Das vollständige Programm und den Link zu den Beiträgen gibt es unter http://wohnzimmer.fh-swf.de