Pressemitteilung-Detail

Muss sich die Europäische Union neu erfinden?
Prof. Dr. Thomas Knobloch diskutiert mit Studierenden im Europapolitischen Seminar über europäische Erfolge und Krisen
Aachen/Brüssel/Meschede. Seit 15 Jahren fährt Prof. Dr. Thomas Knobloch mit Studierenden nach Aachen und Brüssel, um dort mit Experten über Europapolitik zu diskutieren. Von Brexit bis Flüchtlingspolitik: In diesem Sommersemester ging es um Erfolge und Krisen der europäischen Integration.
Professor Knobloch, um Ihre Eingangsfrage ins Seminar zu zitieren: Muss sich die Europäische Union angesichts des Brexits neu erfinden?
Knobloch: Ich glaube nicht, obwohl die EU aktuell schon ein fragiles Gebilde ist. Dass sich die Europäische Union auflöst und wir den Euro aufgeben ist zwar ein denkbares Szenario, das ich aber für höchst unrealistisch halte. Ohne Großbritannien sind wir immer noch 27 Mitgliedsstaaten. Europa ist nach wie vor ein Friedenssicherungs- und Wohlstandsprozess – da sind sich alle einig. Die Idee ist nicht ein ökonomisches Wünsch-Dir-Was. Die Frage ist, wollen wir mehr, weniger oder ein differenzierteres Europa?
Was würde das bedeuten?
Was wir beobachten ist, dass sich für verschiedene Staaten ein differenziertes Integrationsbild abzeichnet. Dieser Aspekt ist schwierig und interessant zugleich. Die Mitgliedstaaten müssen entscheiden, welche Kompetenzen sie an die Europäische Union abgeben und welche nicht. Dass die Mitgliedstaaten dabei von der EU profitieren, zeigt sich aktuell bei der Handelspolitik. Hier bietet die Union eine gewaltige Kompetenz und Marktmacht auf, die den Briten nach dem Brexit möglicherweise nicht mehr zur Verfügung steht.
Was wollen Sie mit dem Europapolitischen Seminar bezwecken?
Zunächst bin ich der Meinung, dass jeder Wirtschaftsstudierende die ökonomisch-rechtlichen Rahmenbedingungen der EU kennen und verstehen sollte. Ein großer Teil unserer nationalen Gesetze wird heute schließlich über die EU eingespeist. Zudem ging es in einem Simulationsspiel zur Migrationspolitik auch um Verhandlungsführung. Um sich eine eigene Meinung zur EU zu bilden, sollte nicht zuletzt jeder ein hinreichendes Grundverständnis für die Ziele und Funktionsweise des europäischen Integrationsprozesses entwickeln.
Was ist Ihre persönliche Meinung zur Europäischen Union?
Ich bin davon überzeugt, ein einiges Europa ist für unsere Zukunft wichtiger denn je. Und ich wünsche mir von Studierenden wie auch generell jungen Europäern ein entsprechendes europapolitisches Engagement. Damit sie nicht eines Tages wie die jungen Menschen in Großbritannien mit einer Katerstimmung aufwachen, weil sie es versäumt haben, sich mit der Europäischen Union auseinanderzusetzen und darüber abzustimmen, das heißt Verantwortung zu übernehmen.
Hintergrund Europapolitisches Seminar
Kern des Seminars in diesem Sommersemester bildete eine fünftägige Exkursion über die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Aachen und Brüssel. Auf dem Programm standen aktuelle Aspekte der Europapolitik: vom Brexit über Cyber-Terrorismus, internationalen Freihandel Islamismus und die Entwicklung der Türkei bis hin zur Migrationspolitik.
22 Studierende hatten das Wahlpflichtfach bei Prof. Dr. Thomas Knobloch belegt – zehn vom Standort Meschede, weitere zwölf vom Bildungspartner España-Deutschland University Studies in Barcelona.
Wie die Mitgliedsstaaten und Organe der EU zusammenarbeiten, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Simulationsspiel zur europäischen Migrationspolitik selbst erfahren. Dabei mussten sie in die Rolle von Mitgliedern der Europäischen Kommission, des Ministerrates und des Europäischen Parlamentes schlüpfen. Internationalität als Programm: Unter anderem vertraten deutsche Studierende die Position Spaniens, spanische Studierende übernahmen die Rolle Deutschlands.