Pressemitteilung-Detail

Mit Augenmaß und Respekt in Richtung Zukunft
Agrarforum: „Landwirtschaft zwischen Digitalisierung und Agrarreform“
Soest. Wenn es um die Zukunft für landwirtschaftliche Betriebe geht, rücken technische, vor allem aber agrarpolitische Entwicklungen in den Fokus. So hatte das aktuelle Thema des Agrarforums „Landwirtschaft zwischen Digitalisierung und Agrarreform“ gut 700 Gäste aus Praxis, Wissenschaft und Politik aus dem gesamten Bundesgebiet in die Soester Stadthalle geführt. Gemeinsam mit dem Ehemaligenverband Susatia hatte der Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen eingeladen.
Wir als Agrar-Fachhochschule sehen uns verpflichtet, mit Ihnen Zukunftsfragen zu diskutieren, um jungen Menschen den Weg zu ebnen, auch in den nächsten Jahren von der Landwirtschaft leben zu können.“, stellte Prof. Dr. Wolf Lorleberg, Dekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft, in seiner Begrüßung den Auftrag des Soester Agrarforums heraus. Die Agrarpolitik definiere immer noch die zentralen Rahmenbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe, auf EU-, Bundes- und Landesebene würden die Karten im Zuge der Agrarpolitik-Reform aktuell neu gemischt. Zwar seien die Ergebnisse der Reformdiskussionen nur schwer abzusehen, die Referentin und Referenten seien aber an führender Stelle in die aktuellen agrarpolitischen Entscheidungsprozesse involviert und könnten mit ihren Aussagen Betriebsleitern helfen, sich zumindest mental auf die kommende Agrarreform vorzubereiten.
Christina Schulze Föcking, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, sprach zum Auftakt über die neue Agrarpolitik für NRW. Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung werde nicht nur der Bedarf an Lebensmitteln größer, auch der Flächenverbrauch steige. NRW ist das drittgrößte Agrarland bundesweit, jeder achte Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung. Eine problematische Marktsituation, ein hohes Maß an Bürokratie sowie die fehlende Anerkennung in der Öffentlichkeit würden es Landwirten jedoch zunehmend erschweren, sich den täglichen Anforderungen – dazu zählt die Sicherstellung der Versorgung mit Nahrungsmitteln zu angemessenen Preisen, kombiniert mit dem gesellschaftlichen Wunsch nach nachhaltiger, umwelt- und tiergerechter sowie klimaschonender Produktion – zu stellen. Schulze Föcking plädierte für effektive und möglichst umweltverträgliche Maßnahmen – beispielsweise bei der Ausbringung von Gülle – die für alle Beteiligten akzeptabel seien. „Lebensmittel sind Mittel zum Leben“, so die Ministerin weiter. Sie sehe in der gesellschaftlichen Diskussion über die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse durchaus Chancen. Dabei könne für ein Plus an Wertschätzung für Erzeuger und Erzeugnisse geworben werden. Sie mahnte, Landwirtschaft könne und dürfe die gesellschaftlich kontrovers geführte Diskussion auch in Bezug auf den Pflanzenschutz nicht ignorieren. Sie forderte die Hinwendung zu einer Politik auf Basis unabhängiger wissenschaftlicher Erkenntnisse, wenn es beispielsweise um den Einsatz von Glyphosat gehe. Die Ministerin, selbst Staatlich geprüfte Landwirtin, zeichnete einen optimistischen Ausblick: „Wohin geht der Weg in der Landwirtschaft? In die Zukunft! Mit technischem Fortschritt, über die Generationen gewonnenem Know-how, mit Leidenschaft und der Begegnung mit Respekt und der gebotenen Sachlichkeit.“
Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes e.V., zog eine Bilanz aus Sicht der deutschen Bauern mit Blick auf die Europäische Agrarpolitik. Er gab zunächst einen umfassenden Überblick über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), über die Landwirte sowohl als auch ländliche Regionen gefördert werden. Die GAP basiert auf zwei Säulen, die erste bilden die Direktzahlungen an Landwirte bei Erfüllung der jeweiligen Voraussetzungen, die zweite umfasst gezielte Förderprogramme für die nachhaltige und umweltschonende Bewirtschaftung und die ländliche Entwicklung. Derzeit wird über die künftige Ausrichtung der GAP nach 2020 diskutiert. Die Europäische Kommission will den Mitgliedstaaten beispielsweise mehr Freiheit bei der Umsetzung der europäischen Ziele in der Landwirtschaft einräumen. Krüsken fürchtet in dem Zusammenhang, dass das System administrativ nicht mehr handhabbar sei und den totalen Verlust eines Konsenses unter allen Mitgliedstaaten.
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Alois Heißenhuber ist Leiter der Kommission Landwirtschaft am Umweltbundesamt und stellte Perspektiven für die EU-Agrarpolitik 2020 vor. Landwirtschaftliche Produktionsverfahren müssten sich heute einer umfassenden Beurteilung unterziehen. Sie seien nicht nur an ihrem Beitrag zur Nahrungs-, Rohstoff- und Energieversorgung zu messen, vielmehr stünden auch ihre Klimawirkung sowie ihre Auswirkungen auf Tierwohl, Biodiversität, Kulturlandschaften, Boden-, Luft- und Wasserqualität auf dem Prüfstand. Er stellte für die zukünftige nationale und europäische Agrarpolitik sieben relevante Handlungsfelder vor, Bodenschutz, Grundwasserschutz, Klimaschutz, Biodiversität, Energieversorgung (speziell durch Erneuerbare Energien) sowie Nutztierhaltung und faire Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter in der landwirtschaftlichen Produktion. Für die Umsetzung einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise in der Agrar- und Ernährungswirtschaft seien nicht nur die GAP, sondern auch Fachgesetze maßgeblich. Heißenhuber forderte u.a. im Sinne der Nachhaltigkeit mehr transdisziplinäre öffentliche Forschung, eine seriöse und transparente Produktkennzeichnung sowie eine Verbesserung der Ausbildung,Information und Kommunikation über Landwirtschaft. Letztendlich müsse von allen Beteiligten mehr persönliche und unternehmerische Eigenverantwortung in Bezug auf Nachhaltigkeit übernommen werden.
Das Thema Digitalisierung in der Landwirtschaft stellten Master-Studierende mit Kurzvorträgen und einer Poster-Ausstellung anschaulich dar. Sie informierten beispielsweise über die arbeitstechnische Entlastung durch den App-unterstützten Prozess der Schweinefütterung oder den bodenschonenden Einsatz von Robotern im Ackerbau