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Pressemitteilung-Detail

FH Gebäude
16.07.2012

Widersprüchliches Südafrika

Master-Studierende erkundeten das Land am Kap der guten Hoffnung |

Soest. "Landwirtschaft - eine Hoffnung für Südafrika?" lautete der Titel der Exkursion des Soester Fachbereichs Agrarwirtschaft. Unter der Leitung von Prof. Dr. Wolf Lorleberg und Prof. Dr. Thomas Weyer bereisten 12 Master-Studierende der Fachhochschule Südwestfalen das Land am Kap der guten Hoffnung.

Hoffnung muss man haben, wenn man die krassen Gegensätze von Südafrika betrachtet. Als "Regenbogen-Nation" wünschte sich Nelson Mandela, der erste Staatspräsident nach der Apartheid, sein Land. Und auf den ersten Blick scheinen die Zahlen überzeugend: ein vergleichsweise hohe Wertschöpfung pro Kopf, Wirtschaftswachstum und steigende Exporte kennzeichnen die stärkste Wirtschaftsmacht auf dem afrikanischen Kontinent. Aber fast 100 Jahre Apartheid haben tiefe Spuren hinterlassen. 18 Jahre nach der Übernahme der Regierung durch den ANC macht sich unter vielen Südafrikanern Ernüchterung breit: Große Teile der Bevölkerung leben in ärmsten Verhältnissen und haben keinen ausreichenden Zugang zu Basisinfrastruktur wie Trinkwasser und Strom. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über der offiziellen Rate von 25 Prozent. Die Soester Masterstudenten verschafften sich vor Ort einen gründlichen Eindruck darüber, welchen Beitrag Land- und Ernährungswirtschaft für die Zukunft des Landes leisten können. Hierzu trafen sie zahlreiche Experten: Herrmann Intemann, Referent für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz an der Deutschen Botschaft in Pretoria, hält das Produktionspotenzial der Landwirtschaft für weit¬gehend ausgeschöpft. Nicht Land sondern Wasser sei der begrenzende Faktor. Upcoming Farmers: Neues schwarzes Unternehmertum Dass es sehr wohl Ansatzpunkte für eine Entwicklung gibt, demonstrierte Dr. Hendrik Smith und Mr. Lulama vom Agricultural Research Council (ARC), der staatlichen Agrarforschungsorganisation Südafrikas. Das praktisch ausgerichtete Institut hat insbesondere kleine Flächen und Betriebe im Fokus. Im Rahmen eines Forschungsprojektes betreuen sie 36 kleinere Landwirtschaftsbetriebe schwarzer Bauern, die Vorbild für die insgesamt 1.500 Kleinfarmen in der Größenordnung bis 10 ha in der periurbanen Region Winterveld werden sollen. Erste Schritte in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit ist die Ausrichtung der Produktion auf konservierende Bodenbearbeitung, Einsatz von Kompost und Dung zur Verbesserung der Humusbilanz und die Professionalisierung der Vermarktung. Der gelernte Schreiner Simon Gibson begründete auf 8 Hektar eine bewässerte Tomaten-, Kohl-, Spinat- und Bohnenproduktion. Ebenfalls als Quereinsteiger mit der gleichen Landfläche baute David Shapa eine Zuchtsauenhaltung mit 300 Sauen und integrierter Mast auf. "Diese Betriebe stehen für einen neuen Typ schwarzer südafrikanischer Unternehmer, die bereit sind, ihre Zukunft selbst in die Hände zu nehmen", macht Lorleberg Hoffnung. Hilfe zur Selbsthilfe Die Produktion tropischer und subtropischer Baumkulturen unterstützen die Agrarwissenschaftler Zaag de Beer und Candy Khoza vom ARC-Institut für tropische und subtropische Pflanzen in Nelspruit, der Hauptstadt von Mpumalanga. Eines ihrer Projekte setzt bei Farmern an: Sie erhalten Setzlinge zum halben Preis, Beratung und Unterstützung bei der Vermarktung. Auf Selbstversorgung und Ernährungssicherung ist dagegen das „Eastern Cape Garden Project“, das Rosemary du Preez vorstellte. Die Mitwirkenden haben sich zum Ziel gesetzt, in 10.000 Hausgärten zwei Millionen ertragreiche und robuste Obstbäume zu setzen. Nach ausführliche Boden- und Standortanalysen werden die Setzlinge gegen einen symbolischen Preis an die interessierte Landbevölkerung abgegeben. AIDS-Waisen und unterversorgten Kindern hilft die Hilfsorganisation „Children in Distress“: In fünf ländlichen Siedlungen der Provinz Mpumalanga versorgen 250 Ehrenamtliche derzeit rund 470 Kinder mit Lebensmitteln und betreuen Hausaufgaben, Spiel und Sport. Konkret bereiteten die Beteiligten einen Arbeits- und Hilfseinsatz von vier Soester Studierende vor. In drei Monaten wollen sie mit Zisternen bewässerte Gemüsegärten anlegen, Brachfläche urbar machen und Englisch unterrichten (siehe separaten Bericht). Internet: Agriculture Research Children in Distress Landwirtschaft in Südafrika Als Agrarstandort bietet Südafrika fast alles: Wein- und Obstbau, Milchviehhal¬tung in mediterranem Klima des Südens, Getreideanbau im zentralen Bereich, extensive Rinder- und Schafhaltung in den trockenen Gebieten sowie tropische und subtropische Kulturen im Nordosten. Vor allem Sonderkulturbetriebe leisten einen hohen Exportbeitrag und bieten viele Arbeitsplätze. Besitz- und Wirtschaftsverhältnisse innerhalb des Sektors klaffen weit auseinander trotz langjähriger Bemühungen zu Landreform und Landrückgabe. Statt vormals 60.000 gibt es heute nur noch 35.000 kommerziell ausgerichteten Farmen. Ihnen stehen schätzungsweise 1,3 Millionen Kleinbauern gegenüber. Land Reform Act Bis zum Jahr 2014 sollen 30 % der ehemals von weißen Farmern bewirtschafteten Fläche an Schwarze übertragen werden. Einheimische Experten kritisieren vor allem die fehlende Begleitung: Mangelnde Schulung und Beratung der Neufarmer, kein Zugang zu Wasser und Strom. Besonders tragisch sind Fälle ehemals gut aufgestellter Exportbetriebe aus dem Obst- und Gemüsebereich, deren Produktion nach der Landreform zusammenbrach. Ob der unklaren Verhältnisse halten sich Investoren zurück. Weiten Teilen der schwarzen Bevölkerung fehlt schlicht und ergreifend das landwirtschaftliche Wissen. 80 Jahre lang durften sie faktisch kein Land besitzen. Ohne organisierte Schulung droht die Umverteilung zu scheitern: Über 90 % der umverteilten Flächen und Farmen werden offiziellen Quellen zufolge nicht optimal genutzt oder liegen sogar brach.