Pressemitteilung-Detail

"Fantasie oder Flop - Strategien einer Dekor-Entwicklerin"
Werkstattgespräch am 19. Juni 2012
Lilatöne für den französischen Markt, für Architekten grundsätzlich nur uni und für Jugendliche den so genannten Used Look - Dr. Annette Seidenberg designt Dekore und weiß, was ihre Kunden am liebsten kaufen. Bei dem Bauzulieferer Westag & Getalit AG in Rheda-Wiedenbrück gestaltet sie Schichtstoffplatten. Ein vielseitiges Produkt, das mit einem breiten Spektrum an Dekoren seine Kunden findet. Wie die Kommunikations- und Produktdesignerin dabei zu Werke geht, erläuterte sie im dpm-Werkstattgespräch. "Ein spannendes Aufgabengebiet, das die enge Verbindung zwischen Designmanagement und Produktentwicklung zeigt", so Prof. Dr. Ulrich Kern bei seiner Begrüßung der Referentin.
Fantasie für die Welt der Fakten
Wer erwartet hatte, dass gestalterische Fragen das Thema bestimmen, lag falsch. Über Technik, Digital- und Tiefdruckverfahren, Performances und Produktionskosten sprach die Dekor-Entwicklerin, die in der Sparte Laminate / Elemente tätig ist. Genauso ging es um Vertriebswege und Marktforschung, um Zielgruppen und Verkaufszahlen, schließlich auch um Trends, die auf der Mailänder Messe starten und rund drei Jahre später beim Endkunden ankommen. Ganz klar ordnete sie in ihrer Branche "Design als Instrument des Marketings" ein und stellte nach fast zwanzig Jahren im Beruf fest: "Es geht nicht darum, sich selbst im Design zu verwirklichen". Ein deutliches Bekenntnis zur Welt der Fakten und kein Widerspruch zur Forderung nach Fantasie. Beides brauchen Dekor-Entwickler, um Flops zu vermeiden.
"Das Dekor fängt das Auge"
Baumärkte oder Bistros, Autos oder Altenheime - Schichtstoffe finden sich im täglichen Leben fast überall. Nützlich macht sich das Dekor auf viele Weisen: Individuell gestaltete Arbeitsplatten erfreuen den Hobbykoch. Unterschiedlich dekorierte Türen erleichtern die Orientierung, ob in Altenheimen, Schulen oder Krankenhäusern. Als Gestaltungselement an Wänden in Hotel-Lobbys oder Restaurants schaffen sie stimmungsvolle Raumatmosphäre. Um jedem Kundengeschmack das richtige Dekor zu bieten, braucht es genaue Marktkenntnis. Nicht zufällig hat Annette Seidenberg zu einem Thema der Marktforschung promoviert. Welche Nation eher dunkle oder helle Töne bevorzugt, was bei jugendlichen Erstausstattern ankommt oder bei Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen, all das ist ihr bestens bekannt. Dabei ist das Mengengeschäft mit besonders beliebten Dekoren zu unterscheiden von den so genannten "Ice scraper"-Produkten einer Kollektion. Letztere gehen zwar nicht in großen Mengen über den Ladentisch, aber sie locken das Auge an und verführen zur Beschäftigung mit dem Produkt.
Mit "Hirn und Herz" im Design
Wie sie ihre Inspirationen findet? Zum Beispiel im Urlaub, denn als Designerin ist sie immer mit "Hirn und Herz" im Job, wie die Referentin bekannte. Unterwegs in Marrakesch, inspirierten sie die landestypischen Muster auf Märkten. Wieder zu Hause, entstanden daraus Dekore unter dem Stichwort "Ethno" - bunt und folkloristisch. Und natürlich ist die Designerin so richtig in ihrem Element, wenn es um die gestalterischen Mittel geht: Um Farbe und Form, um Glanzgrad und Oberfläche, um Funktion und kulturelle Prägungen oder historische Lösungselemente. Der Einsatz dieser "Subgestaltungsmittel", wie die Fachfrau sie bezeichnet, schafft Dekore ganz unterschiedlichen Designs. So kann allein schon Farbe kontrastieren nach kalt oder warm, bunt oder unbunt, simultan oder sukzessiv. "Vom optisch-ästhetischen Mehrwert durch Dekore" sprach die Referentin. Was sie damit meint, machten die präsentierten Beispiele deutlich: die sympathisch dekorierte Fassade einer Grundschule, das poppig gestaltete Bistro oder die Kunstakademie-Räume im ausgefallenen Look von geraspeltem Rotkohl. Ein besonders interessanter Trend, aber auch eine technische Herausforderung sind Dekore mit Strukturen, wie sie besonders von Architekten bevorzugt werden.
"Innovationen sind kein Selbstzweck"
Mit innovativen Dekoren muss die Designerin im Unternehmen aber immer einen Spagat schaffen. Einerseits verlangt der Vertrieb nach Neuem. Andererseits bedeutet das für die Fertigung technische Anpassungen und damit Kosten. Neuerungen muss die Dekor-Entwicklerin daher gut zu argumentieren wissen - für sie kein Problem, da sie auch technisch sehr versiert sei. Und genau an dem Punkt der Diskussion konnte sie den angehenden Designmanager/innen Hoffnung machen auf gute Jobchancen. Denn gerade die kompetente Vermittlung zwischen Produktentwicklung und Design, Vertrieb und Marketing, Technik und Kosten sei für Unternehmen ein wichtiges Aufgabengebiet. Die Studierenden im Design- und Projektmanagement freute es – werden sie doch genau dafür ausgebildet. So vermittelte auch dieses Werkstattgespräch einen tiefen Einblick in ein spezielles Arbeitsgebiet und genauso in generelle unternehmerische Erwartungen.
Text und Foto: Julia Kirst/dpm