Pressemitteilung-Detail

Bewahrende Landwirtschaft im weltweiten Fokus
Soester Agrarwissenschaftler nahm an Weltkongress in Brisbane/Australien teil
Soest. Seinen Bestimmungsschlüssel für Bodenverdichtungen stellte Prof. Dr. Thomas Weyer beim 5th World Congress on Conservation Agriculture in Australien vor. Der Kongress umfasste etwa 200 hochkarätige Fachvorträge sowie einen Feldtag auf dem Gotton Campus der University of Queensland. In einem Interview erläuterte der Bodenexperte, von welch existenzieller Bedeutung der Bodenschutz in Deutschland und der Welt ist.
Was ist Conservation Agriculture?
Unter Conservation Agriculture (CA) versteht man ein bewahrendes Landnutzungssystem mit konservierender Bodenbearbeitung. Das ist weltweit ein großes Thema: Landwirte, Wissenschaftler aber auch die UNO bemühen sich darum, dass der Boden, also die Grundlage unserer Ernährung, erhalten wird. Denn Böden sind weltweit ein knappes Gut. Sie sind die Produktionsgrundlage für Nahrungsmittel und nachwachsende Rohstoffe, aber Böden haben auch große Bedeutung für die Artenvielfalt. Böden speichern und liefern Wasser, Nährstoffe und Kohlenstoff. Um die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, müssen wir schädliche Bodenverdichtungen soweit wie möglich vermeiden.
Das große Thema Nachhaltigkeit hat hier offenbar ein sehr konkret zu beackerndes Feld?
Regional und global unterscheiden sich Böden, Klima und Produktionsbedingungen zum Teil gravierend. Trotzdem ruht das landwirtschaftliche System der Conservation Agriculture auf lediglich drei klaren Prinzipien:
No-tillage: Die pfluglose Bestelltechnik mit Direktsaatverfahren garantiert minimale Bodenbearbeitung.
Crop rotation: Fruchtwechselwirtschaft mit möglichst vielgliedrigen Fruchtfolgen verhindert einseitige Bodennutzung und beugt der Vermehrung von Schädlingen und Krankheiten vor
Cover crops: Zwischenfrüchte und Mulchen sorgen als organische Bodenbedeckung für einen permanenten Boden- und Wasserschutz.
Diese Prinzipien wirken im guten Bördeboden genauso wie in sandigen Steppen, in kleinen Parzellen ebenso wie in riesigen Plantagen.
Welche Schwerpunkte setzte der 5th World Congress on Conservation Agriculture in Brisbane (Australien)?
Insgesamt nahmen mehr als 500 Personen aus 70 Ländern der Erde an diesem Kongress teil. In mehr als 200 Vorträgen und über 100 Postern in diversen Workshops die aktuellen Probleme der landwirtschaftlichen Produktion genauso zu Wort, wie durch Fortschritte bei der Adaption von CA in den verschiedenen Teilen der Erde.
Der Kongress war in vier thematische Schwerpunkte unterteilt:
Effizienzstrategien im CA-System zur Erhöhung landwirtschaftlicher Einkommen und der nachhaltigen Lebensmittelproduktion unter der Reduktion von Umweltbelastungen
Produktionssysteme mit integrierten Lösungen bei Zielkonflikten
Bessere Erträge durch effektive Beratung und Teilnahme am wissenschaftlichen Fortschritt
Derzeitige Entwicklungen in Politik und Märkten weltweit
Können Sie von konkreten Beispielen berichten?
Besonders Usbekistan und Kasachstan leiden unter dem Austrocknen des Aralsees. In sowjetrussischer Zeit wurde das natürlich Wasserreservoir stark übernutzt, weil man die angebaute Baumwolle bewässerte. Hier sind konservierende Produktionssysteme sehr gefragt, weil sie sparsamer mit dem Wasser umgehen.
Auch Indien war mit starker Präsenz am Kongress beteiligt. Beispielsweise gibt es dort ab diesem Herbst erstmals sogar einen Studiengang in Conservation Agriculture. Große Fortschritte sind in Brasilien zu verzeichnen: Hier wächst die Agrarproduktion CA-Pioniere propagieren hier seit 25 Jahren pfluglose Bestelltechniken. Und Australien setzt auf Controlled Traffic Farming. Das heißt, die Felder werden in regelmäßige Raster eingeteilt, sodass bei Saat, Düngung und Ernte jedes Jahr exakt die gleichen Fahrspuren genutzt werden.
Beeindruckend war für mich die Post Congress Tour durch Queensland, wo Zuckerrohr, Erdnüsse, Ananas und Baumwolle, aber auch Obst- und Gemüse angebaut wird.
Erosion, Verwüstung - gerade für die Entwicklungsländer spielt der Boden eine existenzielle Rolle
Ja, die Probleme sind riesig, zu Recht hören wir das fast täglich in den Medien. Aber genau deshalb hat mich ein Vortrag besonders beeindruckt: Dr. Dennis Garrity aus Kenia stellte eine gelebte Utopie vor, bei der es um die Wiederbegrünung von Wüsten geht. Schlüssel des Projektes ist Faidherbia, ein Laubbaum, der seine Blätter in der Regenzeit abwirft. In Kenia legt das World Agroforestry Centre derzeit Mischplantagen an: In der Trockenzeit reduzieren die Faidherbia-Bäume mit ihrem Blätterdach die Sonneneinstrahlung und Austrocknung. Die abgeworfenen Blätter sorgen für organisches Material und in der Regenzeit kann zwischen den kahlen Stämmen Ackerbau betrieben werden.
Welche Bedeutung spielt Conservation Agriculture in Deutschland?
Nicht nur Deutschland, ganz Europa bildet eher ein Schlusslicht bei der konservierenden Bodenbearbeitung. Das liegt natürlich daran, dass Europa in Sachen Böden und Klima geradezu verwöhnt ist. Aber durch die ständig zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und die wachsenden Klimaextreme erkennen immer mehr Fachleute die Notwendigkeit. So gibt es bereits Fachzeitschriften, die sich ausschließlich der Pfluglosen Landwirtschaft widmen. Mit der Gesellschaft für Konservierende Bodenbearbeitung e.V. (GKB) haben wir eine Organisation, die das Thema in Deutschland nach vorne bringt.
Beschäftigt sich der Fachbereich Agrarwirtschaft mit bewahrender Landwirtschaft?
Ja, natürlich. Conservation Agriculture ist bereits seit Jahren ein wichtiges Thema für uns, an dem mehrere Kollegen aktiv arbeiten.
Mit seinem Reifenregler hat Prof. Dr. Ludwig Volk die technische Seite bearbeitet, wie der Bodenverdichtung durch Reifendruck entgegen gewirkt werden kann.
In seinem Forschungsprojekt Klimafarm vergleicht Prof. Dr. Bernhard Schäfer gerade verschiedene Bewirtschaftungssysteme.
Und mein Bestimmungsschlüssel zur Erkennung und Bewertung von Bodenschadverdichtungen stieß bei der Tagung auf reges Interesse: Besonders die Nordafrikaner, Kanadier, Amerikaner, Afrikaner, Iraner, Franzosen und Australier wollten nähere Information haben. Eigentlich müssten wir die Broschüre, die sich derzeit in der Neuauflage befindet, auch in Englisch aufgelegt werden.
Hatten Sie neben Ihrer Poster-Session einen weiteren Einsatz?
Gefreut hat mich die spontane Einladung, oder besser die Aufforderung der australischen Kollegen, am Feldtag bei der Aussprache eines Bodenprofils zu unterstützen. Das ist natürlich mein Steckenpferd. In Soest biete ich daher nicht nur Studiereden an, in Praxisprojekten Bodenprofile zu erstellen. Auch Schülergruppen und interessierte Bürger können sich in der Erlebniswelt Boden intensiv mit Boden beschäftigen - ihn kennen und schätzen lernen.
Erlebniswelt Boden
Öffnungszeiten Sommersemester (April - Juni):
Dienstags 12:00 - 15:00 Uhr
Gruppen auch nach Vereinbarung
Kontakt: Telefon: 02921/378-282
Erlebniswelt Boden
Links:
FB Agrarwirtschaft
WCCA 2011
Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e.V.
Broschüre: Bestimmungsschlüssel zur Erkennung von Bodenschadverdichtungen
Broschüre Bodenverdichtung
Vortrag Dr. Dennis Garrity (Kenia)
Vortrag