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Pressemitteilung-Detail

10.01.2022

33. Soester Agrarforum: „Alles muss sich ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist“

Mit Mut und Einfallsreichtum in die landwirtschaftliche Zukunft – Zwei Soester Agrarpreise an Studierende verliehen

Soest. Eine neue Bundesregierung, ambitionierte Klimaziele, ein europäischer Masterplan für Nachhaltigkeit – wie viele andere Branchen auch, sieht sich die Landwirtschaft vor enorme Herausforderungen gestellt. Den Kopf in den Sand, oder vielmehr, in den Boden stecken, ist offenbar nicht die Strategie vieler Landwirt*innen. Das wurde in den verschiedenen Beiträgen zur Frage, wie es mit der Landwirtschaft weitergehen kann, deutlich. Das 33. Soester Agrarforum, ausgerichtet vom Fachbereich Agrarwirtschaft der FH sowie dem Ehemaligenverband „Susatia“, wurde im zweiten Jahr digital angeboten und erreichte 350 Zuhörer*innen bundesweit.

„Gerade laufen wir Gefahr, dass junge Menschen das Interesse an unserer Branche verlieren und sich frustriert anderen Tätigkeitsfeldern zuwenden“ berichtete Prof. Dr. Wolf Lorleberg zum Einstieg ins Thema. Gleichzeitig werde Landwirtschaft immer mehr Menschen fremd. Es fehle der Bezug zur Landwirtschaft und das Verständnis für die landwirtschaftliche Produktion. „Wir alle haben deshalb den Auftrag, Mut zum ‚Einstieg‘ in Landwirtschaft und zu eigenständiger unternehmerischer Tätigkeit zu machen“, so der Dekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft.

Für Landwirt*innen von essentieller Bedeutung ist, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung die künftige Agrarpolitik gestalten wird. Stärker in den Fokus gerückte Themen wie Klimawandel, Biodiversität und Digitalisierung seien wichtig, zentrale Aufgabe der Landwirtschaft sei aber nach wie vor die Versorgung mit Lebensmitteln zu sichern, so Ursula Heinen-Esser, NRW-Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz. Positiv sieht sie den Paradigmenwechsel auf EU-Ebene, der sich vor allem durch den „Green Deal“ abzeichne. Damit will die Europäische Union eine nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft vorantreiben. Vom Acker bis zum Teller (Farm-to-Fork) sollen Produktionsketten nachhaltiger gestaltet werden, beispielsweise durch die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, weniger Antibiotika in der Tierhaltung oder durch die Vermeidung von Nährstoffüberhängen. Momentan laste der Blick aber noch zu stark auf den landwirtschaftlichen Betrieben. Vielmehr müssen weitere Stufen entlang der Kette, wie Lebensmittelverarbeitung und Handel, in die Pflicht genommen werden. Gleiches gelte für Importe, die nach gleichen Kriterien wie in Deutschland hergestellte landwirtschaftliche Produkte bewertet werden müssten.

Ebenso wie gesetzliche Vorgaben haben vor allem die Veränderung der gesellschaftlichen Ansprüche an die Landwirtschaft zu mehr Natur-, Umwelt- und Tierschutz Einfluss auf die Landwirtschaft von morgen, knüpfte Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und Landwirt, an. Aktuell sei die deutsche Landwirtschaft bei vielen Produkten (noch) international wettbewerbsfähig. Jedoch seien die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die ökologischen Nachhaltigkeitsindikatoren auch in der Trendentwicklung negativ.

Dr. Jan-Henning Feil, Professor für Agrarökonomie im Fachbereich Agrarwirtschaft, stellte die Ergebnisse einer deutschlandweiten Studie zum Thema „Entrepreneurship und neue Geschäftsmodelle in der Landwirtschaft“ vor. Darin wurde beispielsweise erfragt, inwieweit landwirtschaftliche Unternehmer*innen schon heute Diversifikationsaktivitäten und neue Geschäftsmodelle umsetzen. Entgegen der vorherrschenden öffentlichen Meinung zeigen die Ergebnisse deutlich, dass viele Befragte auf die sich rapide ändernden Konsumgewohnheiten und gesellschaftlichen Erwartungen bereits eine Antwort haben. „Alles muss sich ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist“, wandelte der Professor ein verwendetes Zitat seines Vorredners ab (Original von Giuseppe Tomasi die Lampedusa), idealerweise im Miteinander von Jung und Alt. 

Um das Spannungsfeld von „Landwirtschaft und Öffentlichkeit“ ging es im letzten Vortrag von Dr. Andreas Möller. „Verbraucherwünsche tragen entscheidend dazu bei, wie Landwirtschaft in den nächsten Jahren aussehen wird“, gab der Autor zu bedenken. Problematisch sei, dass das Wissen um und das Verständnis für landwirtschaftliche Produktionsabläufe bei Verbraucher*innen rückläufig sei. Zwar engagieren sich viele Menschen im Rahmen von Protestaktionen für mehr Tierwohl oder Artenvielfalt, den Misthaufen in direkter Nachbarschaft möchten aber die wenigsten dulden, genauso wenig wie unerwünschte Insekten im eigenen Garten. „Stadt und Land werden sich immer fremder“, sagte Möller, die Folge: „Wenn wir die Dinge nicht mehr sehen, verändert sich unsere Wahrnehmung und unsere Wertschätzung, für das, was auf dem Teller liegt.“

Das Agrarforum nutzte der Ehemaligenverband „Susatia“, um den Soester Agrarpreis 2020 und 2021 zu verleihen. Damit zeichnen die „Susaten“ Studierende aus, die ihr Studium der Agrarwirtschaft in Regelstudienzeit und mit überdurchschnittlich guten Noten abgeschlossen haben. Der mit 1.000 Euro dotierte Preis für das Jahr 2020 geht an Justin Brinkmann aus Fröndenberg. Er hatte sich als Semestersprecher besonders in der Vermittlung zwischen Studierenden und Lehrenden hervorgetan und ist mehrfach mit dem Deutschlandstipendium und dem Stipendium der Stiftung LV Münster ausgezeichnet worden. Für das Jahr 2021 erhält Anna Hüttenschmidt aus Möhnesee den Agrarpreis. Sie hat ihr Studium der Agrarwirtschaft als Jahrgangsbeste mit der Gesamtnote 1,2 abgeschlossen und absolviert aktuell ein Volontariat in der Redaktion des landwirtschaftlichen Magazins „top agrar“.