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Starke Frauen – Starke Stimmen

Perspektiven in Technik und Wissenschaft

"Man muss nicht schon als Jugendliche Platinen gelötet haben."

Johanna Illmer hat ihr Masterstudium in Elektrotechnik an der Fachhochschule Südwestfalen abgeschlossen und arbeitete 6 Jahre bei Ford als Entwicklungsingenieurin im Bereich Fahrerassistenzsysteme. In einer beruflichen Auszeit reist sie aktuell viel mit dem Camper durch Europa und macht Dinge, für die man sonst keine Zeit findet.

Welche Faszination geht Ihrer Meinung nach von technischen bzw. wissenschaftlichen Berufen aus? Was hat Sie dazu inspiriert, ein Studium in diesem Bereich einzuschlagen, und welche Erfahrungen haben Sie auf diesem Weg gemacht?
Schon früh war für sie klar: Technik fasziniert. "Bei mir war es wahrscheinlich mein familiäres Umfeld", erzählt sie. "Auch meine Mutter war in einem technischen Beruf und mein Vater beim Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt." Ihr Bruder sei heute Informatiker – "wir durften schon sehr früh an Computern herumprobieren und hatten nie strikte Regeln diesbezüglich." Diese Offenheit im Elternhaus legte den Grundstein für ihren späteren Weg: Informatik als Differenzierungsfach ab der 8. Klasse, Physik und Mathematik als Leistungskurse – und schließlich ein Studium der Elektrotechnik.
Dabei war die Automobilbranche nicht von Anfang an ihr Ziel. "Dass ich einmal bei Ford arbeiten würde, war sicherlich nicht abzusehen – Autos waren für mich immer nur ein Gebrauchsgegenstand." Dennoch sagt sie heute: "Rückblickend kann ich sagen, dass ich mit den beruflichen Entscheidungen glücklich bin." Ihre Leidenschaft gilt dem Lösen von Problemen, dem Moment, wenn etwas endlich funktioniert. "Ich habe eine Hassliebe zur Fehlersuche. Ich will das Problem um jeden Preis lösen. Das treibt mich an – auch wenn der Weg einen manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt, ist das Hochgefühl danach umso schöner. Ein bisschen wie beim Wandern: Wenn man endlich den Gipfel erreicht hat, sind die Mühen davor nicht mehr relevant."
Eine wichtige Erkenntnis nach dem Master-Abschluss war für sie: Das Lernen hört nicht auf, der Wissensaufbau beginnt erst. "Man fühlt sich nicht 'fertig'. Jede neue Aufgabe verlangt eine selbstständige Vorbereitung und Einarbeitung. Es gibt selten einen vorgegebenen Weg, den man im Studium gelernt hat und dann nur ablaufen muss."

2016: Insgesamt war Johanna Illmer 3 Jahre im StuPa und anderen Gremien aktiv. 2016: Insgesamt war Johanna Illmer 3 Jahre im StuPa und anderen Gremien aktiv.

Könnten Sie uns von einem besonders herausfordernden Projekt erzählen, an dem Sie gearbeitet haben, und wie Sie diese Herausforderung gemeistert haben?
Ein besonders herausforderndes Projekt, an dem sie zuletzt gearbeitet hat, kann sie aus Gründen der Vertraulichkeit nicht im Detail beschreiben. Doch sie berichtet von der Komplexität der internationalen Zusammenarbeit: "Wenn zu unterschiedlichen Zeitzonen auch noch kulturelle Unterschiede kommen, erfordert das vor allem Flexibilität und gute Planung." Beispielsweise stimmte sie sich morgens früh mit dem Team in Australien und am Nachmittag mit dem Team in den USA ab. Kommunikation sei entscheidend – "und gleichzeitig auch die häufigste Fehlerquelle."

Wie sehen Sie die Rolle von Frauen in technischen bzw. wissenschaftlichen Berufen und welche Veränderungen haben Sie ggf. in den letzten Jahren beobachtet?
Was sie an ihrem Arbeitgeber besonders schätzte, ist der offene Umgang mit Vielfalt. "Ich hatte nie das Gefühl, unterschiedlich behandelt zu werden." Für sie bedeutet Gleichberechtigung, dass es im Berufsalltag keine Rolle spielen sollte, welches Geschlecht jemand hat. "Für mich wäre wahre Gleichberechtigung erreicht, wenn wir in Zukunft nicht mehr über geschlechterspezifische Rollen sprechen müssten."

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften halten Sie für besonders wichtig, um in technischen bzw. wissenschaftlichen Berufen erfolgreich zu sein, und wie haben Sie diese entwickelt?
Für den Erfolg im Beruf hält sie eine Mischung aus Teamarbeit und Eigenständigkeit für entscheidend. Aber auch das richtige Umfeld sei wichtig: "Man entscheidet im Beruf nicht mehr nur für sich selbst, sondern für ein Unternehmen und ein Team. Dafür braucht es eine Unternehmenskultur, die Eigenverantwortung fördert, aber auch dazu bereit ist, einen vernünftigen Umgang mit Fehlern zu pflegen." Denn: "Wer entscheidet, kann auch mal falsch liegen. Davor sollte man keine Angst haben müssen."

Was würden Sie jungen Frauen raten, die eine Karriere in der Technik bzw. Wissenschaft anstreben, und welche Möglichkeiten sehen Sie für sie in der Zukunft?
Wenn junge Menschen – besonders Frauen – den Schritt in technische Berufe wagen wollen, brauchen sie aus ihrer Sicht vor allem Interesse und Neugier. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich vor allem junge Frauen nicht in einen technischen Beruf trauen, weil sie keine Erfahrung in dem Gebiet haben. Junge Männer machen sich diese Gedanken häufig nicht, obwohl sie zu dem Zeitpunkt genau so wenig Erfahrung haben." Sie betont: "Wenn man Interesse an der Materie und Spaß am Lernen hat, lernt man alle benötigten Grundlagen im Rahmen des Studiums oder der Ausbildung. Es ist nicht notwendig, als Teenagerin zu Hause Platinen gelötet zu haben."
Ihr Appell an junge Frauen, die eine Karriere in Technik oder Wissenschaft anstreben: "Macht das, was euch Spaß macht!" Und das mit Mut und Selbstvertrauen – denn die Chancen, eine echte Gleichberechtigung zu erreichen, entwickeln sich in die richtige Richtung.

2019: Johanna Illmer bei der Förderpreisverleihung für ihre Bachelorarbeit. 2019: Johanna Illmer bei der Förderpreisverleihung für ihre Bachelorarbeit.

Berufliche Auszeit